Hintergrundinfo: Der Völkermord in Ruanda
Im Frühjahr des Jahres 1994 fand in Ruanda vor den Augen der Welt ein Völkermord statt. In hundert Tagen wurden mehr als eine Million Menschen ermordet. Obwohl die Internationale Gemeinschaft von Plänen zur Vernichtung der Tutsi wusste, konnte sie sich zu einem Eingreifen nicht entschließen. 45 Jahre nach dem Abschluss der Konvention zur Verhinderung von Völkermord unternahm sie nichts, um das systematische Morden zu stoppen.
Der Völkermord war auch ein Feldzug gegen die ruandischen Frauen: Zwischen 250.000 und 500.000 Mädchen und Frauen wurden sexuell gefoltert, verstümmelt, zur Zwangsprostitution in Kriegsbordelle verschleppt. Soldaten und marodierende Banden setzten Vergewaltigung systematisch als Kriegswaffe ein – mit bis heute fatalen Folgen: Noch immer sterben Frauen, die den Genozid überlebt haben, an Krankheiten und Verletzungen infolge der Vergewaltigungen. Über 70 Prozent der während des Krieges Vergewaltigten wurden mit HIV angesteckt. Die mit der Gewalt verbundene Schmach, das Entsetzen zerreißt oft alle Beziehungen, und untergräbt das Zusammengehörigkeitsgefühl von Familien und Gemeinschaften. Viele Opfer wagen es nicht, die Verbrechen anzuzeigen – aus Scham und aus Angst vor Rache oder Stigmatisierung.
Sechzehn Jahre nach dem Zusammenbruch lebt Ruanda in der Gegenwart mit dem Erbe dieser Gewalt. Der Nach-Krieg hält an. Zumal die Überlebenden heute wieder gezwungen sind, mit ihren früheren Peinigern Tür an Tür zusammenzuleben, sich mit ihnen zu arrangieren.
Die Frauen Ruandas organisieren sich
Es sind vor allem die ruandischen Frauen, die nach dem Genozid begonnen haben neue Kooperationsformen und Möglichkeiten gegenseitiger Unterstützung zu suchen. Im ruandischen Parlament – und das ist weltweit bislang einmalig – liegt die politische Entscheidungsmacht mehrheitlich in den Händen von Frauen. Denn seit den Wahlen im September 2008 sind 55 Prozent der Parlamentsabgeordneten weiblich. Ohne eine umfassende Neudefinition der Geschlechterrollen, so erklären diese Politikerinnen, ist ein friedliches Miteinander nicht möglich. Deshalb setzen sie sich dafür ein, das Ausmaß dessen, was Frauen im Krieg erlitten haben, ans Licht zu bringen. Sie kämpfen dafür, dass Täter strafrechtlich verfolgt werden und Opfer offiziell anerkannt werden.
Auch in den lokalen Gemeinden ergreifen Frauen beim Wiederaufbau ihrer Gemeinschaften zunehmend die Initiative. Im ganzen Land, auf den Hügeln und in den Städten, organisieren sich seit Ende der 1990er-Jahre Frauen in Kooperativen.
Godeliève Mukasarasi hat sich nach dem Genozid mit einigen Frauen ihres Dorfes zusammengetan. Gemeinsam die Toten zu betrauern und sich gegenseitig zu trösten, war ursprüngliches Motiv zur Gründung von Sevota, einer Hilfsorganisation für Witwen und Waisen, erzählt die Überlebende und heutige Menschenrechtsaktivistin. Mittlerweile erfährt Sevota landesweiten Zulauf. Kriegswitwen und Kriegswaisen, Frauen, die Opfer sexueller Gewalt wurden, die Kinder geboren haben, die sie nie wollten, die einfach da sind und jetzt versorgt werden müssen – sie alle finden bei Sevota einen geschützten Raum, wo sie über ihre traumatischen Erlebnisse sprechen können. Psychologische Einzel- und Gruppenberatungen, Fortbildungen in den Bereichen Gesundheit, Frauen- und Kinderrechte oder wirtschaftliche Selbstständigkeit helfen den Frauen, ihren Alltag wieder selbstbestimmt zu bewältigen. Halt und lebenspraktische Unterstützung suchen und geben sich die Frauen auch untereinander. Sie legen ihr Geld zusammen und geben einander Kleinstkredite. Sie helfen sich reihum bei der Feldarbeit, auch um die Kranken und Schwachen zu entlasten. Die gelebte Gemeinsamkeit wirke heilend, sagen die Frauen, sie gebe ihnen Trost und Kraft.
“Mich interessiert nicht, ob du die Frau eines Mörders oder eine Überlebende bist. Mich interessiert der Alltag der Frauen in diesem Land. Wir müssen neu lernen, uns als Schwestern zu empfinden und wieder Vertrauen ineinander aufbauen. Nur durch Reden ist das nicht möglich”, formuliert Winnie Mupenpa, die mit Florida Mukarubuga die Hilfsorganisation Amizero leitet. Vor allem brauchen Kriegstraumatisierte eine halbwegs stabile Lebensgrundlage. Amizero unterstützt Frauen darin, ihr Leben wieder selbstständig zu gestalten. Sie sichern sich ein kleines Einkommen, indem sie Haushaltsabfälle sammeln und Brennmaterial daraus herstellen. Andere bauen Gemüse an und verkaufen es. Wieder andere betreuen in dieser Zeit die Kinder. Amizero setzt vor allem auf die solidarische Vernetzung der Frauen untereinander. Was ursprünglich eine pragmatische Maßnahme zur Existenzsicherung war, hat sich in der Praxis auch als Versöhnungsarbeit erwiesen. Denn bei Amizero treffen Frauen der Täter wie der Opfer zusammen. Über das gemeinsame Tun schaffen diese Frauen sich einen Raum zur Auseinandersetzung, zu einem Dialog jenseits ethnischer Grenzen.
Amizero und Sevota sind Graswurzelorganisationen, die von dem Engagement und der Kraft einzelner Frauen leben. Es sind Frauen, die ihr Leben anzupacken versuchen, die um Normalität ringen und die – trotz ihrer sich immer wieder Bahn brechenden Erinnerungen an Schuld und Leid – für einen Neuanfang und für Zusammenhalt in einer gespaltenen Gesellschaft kämpfen.
Zwar wird die ruandische Nachkriegsregierung nicht müde, den Bruch mit der auf Hass begründeten Vergangenheit zu beschwören und den Neuanfang auszurufen. Konkrete Hilfen zur wirtschaftlichen Selbstständigkeit der Frauen oder eine materielle Entschädigung sind damit allerdings nicht verbunden. In Ruanda, ohnehin eines der ärmsten Länder der Welt, fehlt es vielen Kriegstraumatisierten am Lebensnotwendigen: Nahrung, ein Dach über dem Kopf, medizinische Versorgung. Bis heute bleibt es den Frauen von Amizero und Sevota selbst überlassen, sich durch Solidarität und praktische Hilfen in ihrem Alltag zu unterstützen.
Bilder aus Leona Goldsteins Film Turikumwe! – We are together! Women in Rwanda, 14 years after the genocide.